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Geocaching vs Polizei

(Exklusiv-Interview mit Einsatzleiter des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord)

 

Mit der steigenden Popularität unserer Leidenschaft wachsen auch die Vorkommnisse an, die einen unnötigen Einsatz der Freunde und Helfer nach sich ziehen…

Das mag an mehreren Gründen liegen: ein Owner hat vorab nicht gut genug über die Art oder Location seines gewählten Verstecks nachgedacht, oder ein Anwohner sieht sofort einen Einbrecher in dem umherstreunenden Cacher.

Eigentlich kann von dem im Titel meines Artikels stehenden „vs.“ keine Rede sein – ich denke, man muss nur Mittel und Wege zu einem harmonischen Miteinander finden (o:

Deshalb hat es sich der Bitzeltroll nicht nehmen lassen, sich mal in die „Höhle des Löwen“ zu begeben: direkt zur Polizei! Dort habe ich mich mit Klement Kreitmeier getroffen, er ist Einsatzleiter beim Polizeipräsidium Oberbayern Nord (was eine lange Bezeichnung *g*) und hat sich die Zeit für ein ausführliches Exklusivinterview genommen:

Als wir uns zum Vorgespräch getroffen haben und ich das Thema Geocaching ansprach, sagten Sie mit einem süffisanten Lächeln: „Ah, unsere Freunde“…mögt Ihr uns nicht?

Hr. Kreitmeier: Also, von Mögen oder Nichtmögen kann nicht die Rede sein! Für uns ist halt auffällig, dass wir hin und wieder mit den Geocachern Einsätze haben. In der Regel verlaufen die lustig, man kann später darüber lachen. Aber gerade in der ersten Phase eines neuen Caches weiß man halt nicht, ob das ein ernster Einsatz ist oder nur wieder so eine Dose deponiert wurde.

Ok, das ist jetzt mitunter die Sache von uns Ownern, darüber nachzudenken, wo und in welcher Form wir etwas machen, darauf gehe ich später noch ein. Wo konkret kam es denn in Ihrem Zuständigkeitsbereich bereits zu unnötigen Einsätzen?

Hr. Kreitmeier: Das sind nun nur ein paar exemplarische Beispiele: in einem Fall wurde ein Straßenleitpfosten abgeschnitten und innen Elektronik verbaut. Mitarbeiter der Straßenwacht haben das zufällig beim Reinigen entdeckt und es entstand bei Ihnen der Eindruck, dass es sich hier um einen Sprengsatz handelt, was natürlich einen größeren Einsatz zur Folge hatte. Was öfter vorkommt: dass ein Geocache irgendwo deponiert wird und Zeugen das beobachten, die dann stutzig werden und annehmen, es handele sich um ein Drogendepot, vor allem wenn auch in der Zeit danach immer wieder Leute an dieser Stelle gesehen werden. So etwas müssen wir dann natürlich auch überprüfen. In einem weiteren Fall – und das war dann schon wieder eine gefährlichere Sache – wollte jemand einen Cache unterhalb einer Autobahnbrücke verstecken, und direkt unter einer Autobahnbrücke haben Personen eigentlich Nichts zu Suchen. Hier müssen wir in erster Linie davon ausgehen, dass jemand Suizid begehen will. Hier geht es dann nicht nur um unsere Arbeit, sondern auch die gefährlichen Situationen, die aus so Etwas entstehen: neben der Eingabe ins Traffic-Leitsystem fahren die Kollegen mit Blaulicht und sehr hoher Geschwindigkeit zum Einsatzort; andere Verkehrsteilnehmer überreagieren vielleicht, weichen aus oder bremsen abrupt ab. Das kann schon sehr gefährliche Folgen nach sich ziehen. In einem weiteren Fall hat ein Owner seine Dose beschriftet mit „Achtung Bombe!“ – in dem Fall hat sich aber zum Glück sehr schnell herausgestellt, dass es sich um eine Cachedose gehandelt hat.

…was vermutlich mitunter an der großen Stashnote direkt neben dem Explosionszeichen lag. Diese Station gehört zu einem MEINER Nachtcaches und war sogar vorher von der Gemeinde genehmigt worden. Dementsprechend war mein erster Schock, als ich plötzlich auf allen regionalen Kanälen inkl. Radio und Zeitungen die Schlagzeile mitbekam. Zu Kosten für mich kam es nicht – in welchen Fällen muss ein Cacheowner mit auferlegten Einsatzkosten rechnen?

Hr. Kreitmeier: Also, da hier nicht erkennbar mutwillig oder extrem fahrlässig gehandelt wurde, haben wir hier keine Einsatzkosten auferlegt. Natürlich sieht das anders aus bei Sachbeschädigungen – hier muss der verursachende Cacher oder Owner selbstverständlich Schadenersatz leisten. Man sollte sich als Cachebesitzer halt immer wieder fragen: wo ist ein Cache unproblematisch und wo ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem größeren Einsatz kommen kann. Schwierig sind Caches zum Beispiel an öffentlichen Gebäuden wie Rathäusern, Bundeswehrkasernen, Natobereichen oder jetzt gerade ganz aktuell: an Flüchtlingsunterkünften! Auch tagesaktuelle Ereignisse spielen da eine Rolle: vor ein paar Tagen wurde zum Beispiel ein herrenloser Koffer am Audi-Gelände gefunden. Normalerweise nie ein Problem, aber in diesem Fall wurde erst zwei Tage zuvor der VW-Skandal öffentlich, und da entstehen gleich plötzlich ganz andere Voraussetzungen für eine Einsatznotwendigkeit. Also als Verstecker bitte immer in den möglichen Beobachter versetzen: was sieht er, was kann er glauben, wovon muss er ausgehen…entsprechend vorsichtig sollte man mit der Wahl des Verstecks sein.

Dass die Polizei auch Spaß versteht und grundsätzlich Nichts gegen Geocaching hat, zeigen mitunter diese witzigen „Logs“ (o:

Nun verstecken wir Owner ja nicht nur Bomben im Wald, sondern auch Dosen an teils frequentierten Stellen – Beispiel: Wohngebiet. Wenn dort regelmäßig Cacher auf die Suche gehen, mag gerade jetzt in der Zeit der erhöhten Dämmerungseinbrüche für den ein oder anderen Anwohner der Eindruck entstehen, dass hier Einbrecher unterwegs sind…

Hr. Kreitmeier: Das stimmt. Wenn aber schon der Owner beim Verstecken bemerkt, dass er hier von Nachbarn beobachtet wird: bitte gleich hingehen, ansprechen und erklären, was man da macht. Das nimmt den Unwissenden dann sofort die Bedenken und kann so manchen Polizeieinsatz schon im Vorfeld verhindern. Auch bei den sogenannten Nachtcaches ist es gar nicht so schlecht, wenn mögliche Anwohner einfach im Vorfeld informiert werden, dass hier in Zukunft öfter Cacher unterwegs sein könnten. So kann man ganz einfach schon vorab die Luft rausnehmen und Ihr könnt Eurem Hobby in Ruhe nachgehen.

Geocaching erlebt gerade in den letzten Jahren einen richtigen Boom – früher war es noch etwas deutlich Geheimeres, von dem kaum Jemand wusste. Gerade Cacher, die schon seit vielen Jahren dabei sind, trauern dieser Zeit hinterher…für mich klingt es so, als ob die Öffentlichkeitsarbeit zumindest in einem gewissen Maße hilfreich ist, die Allgemeinheit darüber aufzuklären, um dann gegebenenfalls unnötige Einsätze zu verhindern?

Hr. Kreitmeier: Unbedingt! Wenn die Öffentlichkeit weiß, dass es sowas gibt und was Geocacher machen, dann wird es auch zu immer weniger Verwechslungen und somit auch Einsätzen unsererseits führen. Von dem her ist Aufklärung eine gute Sache. Es kann natürlich trotzdem sein, dass vom Bürger die Polizei verständigt wird, weil er sich einfach unsicher ist – das hat aber sowohl für den Owner als auch für den Suchenden keine Folgen, auch kostenmäßig. Dennoch: je mehr die Leute von dem Hobby wissen, desto mehr kann sich hier ein Bild gemacht und zukünftig besser eingeschätzt werden, ob es sich um einen spionierenden Einbrecher oder nur einen Geocacher handelt.

Kurz nach dem Publish eines meiner Nachtcaches waren gleich mehrere Teams parallel unterwegs – und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, suchte die Polizei einen Flüchtigen. Hubschrauber, dutzende Streifenwagen, die unterwegs waren…und überall Teams von Geocachern mit Taschenlampen…hatte zur Folge, dass die Beamten von einer Gruppe zur Nächsten rasten um sich zu versichern. In solchen Fällen, wenn die Arbeit der Polizei unabsichtlich behindert wird – denkt sich der Beamte da manchmal „Oh Mann, die scheiß Geocacher“?

Hr. Kreitmeier: Also, dass so ein Gedanke beim ein oder anderen Kollegen in dieser Situation entstehen kann, liegt nahe. Wenn ich einen gezielten Einsatz habe und es kommen immer wieder Geocacher dazwischen, die die Arbeit…nicht behindern, aber zumindest erschweren…dann glaub ich ist es nachvollziehbar, dass man etwas genervt sein kann. Aber das bringen einfach die Ereignisse automatisch mit sich, da braucht IHR als Geocacher Euch keine Gedanken zu machen, und das ist auch von den Kollegen nicht böse gemeint.

Also, aus Sicht der Polizei ist es nicht verwerflich, wenn wir auch nachts mit Taschenlampen unserem etwas ungewöhnlichen Hobby nachgehen?

Hr. Kreitmeier: Nein, es kann nie verwerflich sein, so einem Hobby nachzugehen! Aber wenn Ihr unterwegs mal merken solltet, dass jemand auf Euch aufmerksam wird und eventuell verwirrt sein könnte: um vorzubeugen, bitte dann gerne auch direkt unterwegs bei uns, der Polizei, anrufen und darauf hinweisen, dass Ihr gerad da oder da am Cachen seid und Ihr den Eindruck habt, dass Anwohner hellhörig werden. Dann können wir, falls es zu einer Meldung kommt, gleich beruhigen und dem Anwohner Entwarnung geben. Möglicherweise wird trotzdem eine Überprüfung stattfinden, aber die Streife fährt schon mit einem ganz anderen Hintergrundwissen dorthin.

Abschließend – um nochmal auf das Thema „Dosen an öffentlich sensiblen Bereichen“ zu Sprechen zu kommen: kann es sein, dass es auch hier direkt im Umkreis der Dienststelle einen Geocache gibt?

Hr. Kreitmeier (grinst): Ja! Den kennen meine Kollegen und ich auch, ich hab da auch schon mal einen suchenden Geocacher darauf angesprochen. Aber das ist für uns kein Problem, sofern wir Bescheid wissen. Ich belasse den Cache natürlich an seiner Stelle.

Sie müssten ihn ja auch erstmal FINDEN – das würde Sie dann gleich indirekt auch zu einem Geocacher machen (o:
Herr Kreitmeier, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns Cachern auch Ihre Sichtweise zu diesem Thema zu erläutern. Es war ein sehr interessantes Gespräch und ich drücke die Daumen, dass es zukünftig nicht all zu viele unnötige Einsätze aufgrund unseres Hobbies geben wird.